Eingabehilfen öffnen

Werlte im 1. Weltkrieg

Werlte im 1. Weltkrieg

Werlte im 1. Weltkrieg

Werlte und der Erste Weltkrieg 1914 – 1918

Vortrag auf der Generalversammlung des Heimatvereins am 12. 03.2014 von Joseph Meyer, Werlte

 

Meine Damen und Herren, liebe Heimatfreunde,

im August jährt sich zum 100. Mal der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Zu diesem Ereignis ist eine Fülle neuer Bücher erschienen und alle Printmedien, die großen Tages- und Wochenzeitungen und auch die Ems-Zeitung (Neue Osnabrücker Zeitung) haben das Jahr 2014 zum Anlass genommen, dieses Ereignis, diese „Urkatastrophe“ von allen Seiten zu beleuchten und uns wieder in Erinnerung zu rufen.

Warum eigentlich?

Anders als etwa in England oder Frankreich ist in Deutschland der Erste Weltkrieg, obwohl er weltweit über 10 Mio. Opfer gefordert hat und 2 Millionen deutschen Soldaten und fast 1 Millionen Zivilisten das Leben gekostet hat, weitgehend in Vergessenheit geraten. Er wurde von einer weiteren schrecklichen Katastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, völlig überlagert. Dieser Zweite Weltkrieg mit seinen über 50 Millionen Toten, den Kriegsverbrechen, dem Holocaust, den jahrelangen Bombardierungen deutscher Städte und den Vertreibungen hat die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg völlig verdrängt, anders als etwa in Frankreich, wo der Erste Weltkrieg, “la grande guerre“, das Jahrhundertereignis  darstellt und bis heute allerorten der Toten dieses Krieges gedacht wird, ja sogar der 11. November (Gedenken an den Waffenstillstand 1918) bis heute als nationaler Gedenktag gehalten wird.

Ich möchte Ihnen heute Abend aus drei Quellen noch einmal die Zeit des Ersten Weltkrieges vergegenwärtigen, aus Aufzeichnungen von Albert Trautmann 1) aus dem Tagebuch von Samuel Jacobs 2) und aus Eintragungen der Schulchronik der Werlter Volksschule 3).

Aus diesen Quellen kann man sich ein Bild machen von der vor dem Krieg weit verbreiteten patriotischen vaterländischen Gesinnung, der Kriegsbegeisterung weiter Teile der Bevölkerung, dem Glauben an das eigene Recht, dem Durchhaltewillen und dem Zusammenstehen der Bürger und der aufopferungsvollen Unterstützung der Soldaten durch die Heimat, aber auch von der schlechten Rohstofflage, dem Mangel an Ressourcen und dem Leid und der Trauer durch die Todesnachrichten von der Front.

Am 29. Juli 1914 wurde von Kaiser Wilhelm II die drohende Kriegsgefahr ausgerufen und am 1. August die Allgemeine Mobilmachung verkündet.

Dazu schreibt der Kriegsteilnehmer Samuel Jacobs:

„Plötzlich, am Freitag, 29. Juli 1914 kam gegen Abend ein Extrabote aus Sögel und verkündete im Ort: Seine Majestät, unser oberster Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II, hat die Kriegsbereitschaft befohlen. Die Mobilmachung war noch nicht angeordnet, aber es schwand immer mehr die Hoffnung, dass der Krieg vermieden werden könne.

Es folgten Stunden großer Spannung und banger Erwartung. Immer wenn der Zug eingelaufen war, ballten sich die Leute an der Post zusammen, um die Zeitungen und damit die neuesten Berichte zu empfangen.

Es war Samstagnachmittag gegen 5 Uhr. Dicht gedrängt stand eine große Menschenmenge im Vorraume der Post. Plötzlich erscheint unser Postverwalter Herr Hoffmann am Schalter und erklärt bleichen Antlitzes: „Es ist mobil!“ Die Würfel waren gefallen, der Weltenbrand entfacht. Allmählich entfaltete sich reges Leben im Ort. Reservisten zogen durch die Straßen, umarmten sich und sangen patriotische Lieder. In den Wirtschaften fanden sich viele Menschen zusammen, eine patriotische Ansprache folgte der anderen. Eiserne, trotzige Entschlossenheit lag in den Mienen der jungen Krieger. Allgemein hörte man seitens der jungen Reservisten den Ruf: „In sechs Wochen ist der Krieg beendet, dann sind wir als Sieger wieder unter euch.“ Schnaps und Bier taten das ihrige, die Begeisterung noch mehr zu entflammen und so währte das Leben und Treiben bis in die Nacht hinein. Als aber mehrere junge Leute sich anschickten, Abschied zu nehmen, weil sie mit dem ersten Zug abfahren mussten, wurde man doch ernster gestimmt.

So brach der erste Mobilmachungstag heran. Noch sehe ich, wie die Leute zur Kirche gingen, ihre Angehörigen, die sich in den nächsten Tagen zur Fahne melden mussten, zwischen sich. Stummer Ernst war in allen Gemütern, banges Zittern lag auf allen Mienen. Es gab schwere Stunden des Abschieds. Man sah weinende Mütter, schluchzende Kinder, jammernde Bräute und dazwischen helle Begeisterung junger Krieger. Am Bahnhof war reges Leben. „Auf Wiedersehn in Paris; auf Wiedersehn in Petersburg“ rief man sich gegenseitig zu.“4) 

Auch Albert Trautmann war, wie viele seiner Zeitgenossen, von der Unabwendbarkeit des Krieges überzeugt und sorgte sich vor allem um die patriotische Einstellung der Jugend.

Als Vorsitzender vom Werlter Kriegerverein 5), der vor 1914 über 110 Mitglieder zählte, verfolgte er die Absicht, in Werlte so genannte Jugendkompanien aufzustellen und durch vormilitärische Ausbildung und Erziehung die Jugend „kriegsverwendungsfähig“ zu machen. So wollte er neben den Schulen auch die Geistlichkeit für diese Ausbildung einspannen. In einem Brief vom 7. Oktober 1914 schreibt er: 

„Falls dem Kriegerverein die Einrichtung (von Jugendkompanien) überlassen bliebe, würde Herr Lehrer Stecker aus Wehm in Verbindung mit J. Kleymann und dem Beigeordneten Thyen die militärische Ausbildung übernehmen, ich selbst würde nach Kräften der Jugend Vorträge halten und Anweisungen geben. Ich wage zu hoffen, dass hierzu Ew. Hochwürden evtl. (…) beitragen würde, denn  die jungen Leute bedürfen ja wahrlich nicht bloß der körperlichen Ausbildung, sondern gerade hier erst recht der geistlichen Anregung, und es handelt sich nicht nur darum, körperlich gesunde, sondern auch moralisch gesunde und in ihren Ansichten gefestigte junge Leute zu den Waffen zu senden, junge Leute auch, denen man den Schliff ansieht, die nicht nach alt Hümmlinger schöner Freiheit um sich herumspucken mit schief gesetzter Mütze!“ 6)