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Werlte im 1. Weltkrieg

Werlte im 1. Weltkrieg

Werlte im 1. Weltkrieg

Das geschah am 12. August 1914 auch gründlich, denn Krupp wusste, dass die belgischen Panzerforts und Geschütztürme um Lüttich der Durchschlagskraft der Dicken Bertha nicht standhalten würden, hatte er sie doch selbst entwickelt und an Belgien geliefert.

In der Kruppschen Firmenchronik wird der Einsatz am 12. August wie folgt dokumentiert: „Um 18.30 Uhr ertönte das Kommando „Feuer“. Eine „Fleißige Bertha“ kam aus der dunklen Geschützmündung herausgesaust, stieg 1,5 km in die Höhe, und, nachdem sie eine volle Minute durch die Luft gesegelt war, schlug sie inmitten von Fort Pontisse, dem vorgesehenen Ziel ein. Wenig später wirbelte eine Wolke von Zement, Stahl und menschlichen Leibern in die Höhe. Nach 48 Stunden waren sämtliche Haupttürme (der Festungsanlage) nur noch blutgetränkte Schutthaufen.“ (…)8)

Ein weiteres Mal wurde die Dicke Bertha gegen die Festungswerke von Verdun vom Fort Vaux und Douaumont eingesetzt, diese hielten jedoch trotz großer Zerstörungen sogar diesem größten Kaliber stand. Erprobt und eingeschossen wurde die Dicke Bertha auf dem Kruppschen Schießplatz Meppen, aber auch Schiffsgeschütze und ab 1917 der berühmte „Lange Max“, das Paris-Geschütz, wurden hier getestet. Auf dem Schießplatz wurden während des Ersten Weltkrieges aus über 3000 Geschützen insgesamt 127.000 Granaten verfeuert, an manchen Tagen wurden über 80 Geschütze eingeschossen. Nachdem man bei Schießversuchen mit einem 35,5 cm Geschütz im Oktober 1914 dem Landwirt Dierkes in Burlage den Hausgiebel weggeschossen hatte, wurde die Erprobung der weittragenden Geschütze nach Altenwalde bei Cuxhaven verlegt, wo man auf die Nordsee hinausschießen konnte. Mit dem „Paris-Geschütz“ wurde hier eine Schussweite von 130 km erreicht. Dieses Geschütz wurde am 23. März 1918 im Wald von Crepy Fourdrain aufgebaut, um das 120 km entfernte Paris zu beschießen. Das Riesengeschütz hatte eine Rohrlänge von über 35 m, ein Kaliber von 21 cm und wurde mit 200 kg-Treibladungen geladen. Insgesamt wurden 452 106 kg schwere Sprenggranaten auf Paris geschossen. Bei einem Schusswinkel von 55° erreichten die Geschosse eine Gipfelhöhe von 40 Km. Militärisch war der Einsatz völlig sinnlos, die 1000 Toten im Stadtgebiet von Paris schürten lediglich den Hass auf Deutschland und stärkten den Widerstandswillen.9)

Kehren wir jedoch zurück zu Samuel Jacobs Tagebuch und seinen Aufzeichnungen über den Kriegsbeginn:

„Wie schlugen die Herzen höher, als die Kunde des ersten Sieges kam: Lüttich, die mächtige belgische Festung, ist gefallen! Der Eingang nach Belgien ist frei! Dann eilten die deutschen Heere von Sieg zu Sieg, im Westen gegen die Franzosen, Engländer und Belgier, im Osten gegen die Russen und Serben. Die Wogen der Begeisterung schwollen am höchsten, als die Kunde von dem großen Siege Hindenburgs über die Russen an den Masurischen Seen kam; dazu noch ein großer Sieg über die Franzosen zwischen Metz und den Vogesen. Durch Glockengeläute (wir hatten damals noch in Werlte das wunderschöne Glockengeläute, um das uns die ganze Umgebung beneidete) wurde der großen Freude über die mächtigen Waffenerfolge unserer Truppen Ausdruck verliehen. Auf dem freien Platze vor der Kirche wurde ein großes Schild angebracht, worauf die neuesten Telegramme angebracht wurden. Da der Gemeindediener nicht anwesend war, baten mich die Herren Pfarrer Jansen und Hauptlehrer Schomaker, ich möchte die Kunde der gewaltigen Siege im Orte verbreiten. Gern erfüllte ich ihre Bitte; auf geschmücktem Pferd und mit einer großen Klingel machte ich dann die großen Waffentaten bekannt.

So manche Mutter fragte mich mit Tränen in den Augen: “Is dei Krieg nu denn bolde vorbi?“ Stolz erwiderte ich: “De ännern schöllt nu wall bolde genaug häbben van dei dütsken Senge.“ Sonntags darauf war Versammlung des Kriegervereins. Herr Trautmann, der erste Vorsitzende, erläuterte anhand einer Karte die Kriegslage. Großer Jubel und Optimismus war überall. Besorgte Gesichter zeigten diejenigen, deren Angehörige draußen waren. Unsere eine Heeressäule marschiert auf Paris, die andere auf der Seeseite auf Calais zu. So muss und wird sich der Krieg in wenigen Wochen zu unseren Gunsten entscheiden. Als nun gar nach einigen Tagen die Kunde zu uns drang, die Vorhut unserer Truppen steht in Maux und Montmirail, ca. 50 km vor Paris, da kannte unsere Begeisterung keine Grenzen. So wurden in einer Versammlung Kommissionen gewählt, die anlässlich des Einzuges in Paris eine Festlichkeit vorbereiten und für diesen Zweck sammeln sollten. Jeder gab gerne dazu. (…) Aber dann träufelten allmählich Wermutstropfen in den Becher der Freude. Eine Todesanzeige kam nach der anderen. Man wurde nachdenklicher und ernster. Als dann gar eines Tages ein Transport ostpreußischer Flüchtlinge nach Werlte kam, sah man auch hier ein wenig von den grauenvollen Folgen des Krieges. Noch sehe ich, wie eine größere Anzahl Menschen, Greise, Frauen und Kinder, denen man Not und Entbehrung aus den Mienen ablesen konnte, in tiefster Verzweiflung der Schule zuwankte.

Die Bewohner aus Werlte wetteiferten miteinander, ihre unglücklichen Volksgenossen mit Speise und Trank zu erquicken. Warmes Unterzeug wurde verteilt. Für die Kinder wurden Bonbons und Spielsachen herbeigeholt. Von auswärts kamen Landsleute und holten einen Teil der unglücklichen Flüchtlinge mit Kutschwagen ab. Die Übrigen blieben in Werlte und wurden gut und gern bewirtet. Man war allerseits bestrebt, ihnen das Heim zu ersetzen. Es war ja auch alles noch in Fülle vorhanden. Fleisch kostete in guter Qualität 0,60 -0,80 Mark, Bekleidungsstücke waren sehr billig. Man bekam einen guten Anzug für 50,- bis 80,- Mark. Eine große Enttäuschung bemächtigte sich unser, als die Kunde zu uns drang, dass unsere Armee bei dem Vormarsch auf Paris an der Marne geschlagen sei und sich eilends unter großen Verlusten zurückziehe. Als dann auch in Flandern der Vormarsch zum Stehen kam, machte der überaus große Optimismus bald kühler Überlegung Platz. Man sah bald ein, dass der Krieg wohl nicht so leicht zu gewinnen sei, wie man anfangs angenommen hatte.

Als bald darauf auch ungediente Mannschaften in das Heer eingereiht und nach ganz kurzer Ausbildung ins Feld abgeschoben wurden, und als man sogar den ungedienten Landsturm einzog, da wurde die Stimmung eine ganz andere. Wenn man abends im geheizten Zimmer saß und hörte, wie draußen der Wintersturm durchs Land heulte, wenn die Erde starrte von Eis und Schnee, dann gedachte man voller Mitgefühl der braven Kämpfer an der Front und flehte den lieben Gott von Herzen an, er möge dem Menschenmorden ein Ende bereiten, damit all die braven Menschen, die vorne unter den größten Entbehrungen in Not und Tod treue Wacht hielten, endlich von ihrer schweren Bürde befreit wieder zurückkehren dürften in ihre heimatlichen Gefilde.“ 10)

Hier endet der Bericht von Samuel Jacobs über die Lage in Werlte, denn am 5. Februar 1915 bekommt auch er selbst seinen Gestellungsbefehl und sein weiteres Tagebuch enthält Aufzeichnungen über seinen Fronteinsatz.